22. September 2021

Brechen, um zu heilen – meine persönliche Geschichte

Wer mich heute strahlen sieht, kann sich nicht vorstellen, was hinter mir liegt. Wer mein Lachen hört, kann sich nicht ausmalen, wie dunkel die Welt um mich herum manchmal ist. Wer meine Kraft spürt, macht sich kein Bild davon, wie schwach ich war und auch heute noch an manchen Tagen bin.

Wer meine Geschichte hört, spricht Anerkennung aus, hat aber oft auch Angst vor meinem Weg. Denn mein Weg war hart. Er führte durch tiefe Täler. Auf meinem Weg bin ich zerbrochen. Aber manchmal muss etwas brechen, damit es heilen kann.

„Was ich jetzt tun muss, ist eine der schwersten Aufgaben, die man als Geschäftsführer haben kann“

Er war verwundert darüber, dass ich überrascht war. Ob ich nicht damit gerechnet hätte, fragte er, nach allem, was im letzten Jahr passiert sei.

Nein, ich hatte nicht damit gerechnet.

Das abgelaufene Jahr sollte am Ende als eines der schlimmsten Jahre meines Lebens in meine Erinnerung eingehen. Es war das Jahr, in dem alles zu misslingen schien. Das Jahr, an dessen Ende ich Schweißausbrüche bekam, wenn ich vor Publikum stand, obwohl ich das bis dahin immer genossen hatte. Das Jahr, an dessen Ende ich nicht mehr frei sprechen konnte, sondern meine Worte zitternd von einem Zettel ablesen musste, obwohl es bis dahin mein Markenzeichen war, nie um ein Wort verlegen zu sein. Das Jahr, an dessen Ende ich mir eingestehen musste, keine Lösung mehr für die vielen Probleme zu haben, die mir übergeworfen wurden.

Rational betrachtet hatte er Recht. Ich hätte damit rechnen müssen, dass es nicht mehr weiter geht. Aber ich hatte mich bis zuletzt an das Vertrauen geklammert, das wir uns noch vor einem Jahr gegenseitig ausgesprochen hatten.

Der Schuh, der mir hier angezogen wurde, sei mir zu groß, sagte ich damals. Wir werden gemeinsam dafür Sorge tragen, dass Du hineinwächst, hatten sie gesagt. Und wenn es nicht gelingt, dann werden wir gemeinsam Wege suchen, wie wir umsteuern. Denn wir sitzen in einem Boot.

Aber jetzt warfen sie mich aus dem Boot einfach wieder heraus.

So trieb ich auf offener See. Und da war nichts außer mir. Ich war allein in einer fremden Stadt. Die vor einem Jahr noch neu und aufregend war und jetzt einfach nur leer. Allein mit meinem Gefühl. Das vor einem Jahr noch aufgeräumt und optimistisch schien und jetzt einfach nur dunkel. Allein damit, gescheitert zu sein. Schon wieder.

Das Leben ist eine Abfolge von Schritten. Manche sind schwerer, manche sind leichter. Aber es geht immer weiter. Darum ging auch ich weiter. Suchte nach der nächsten Herausforderung. Begann wieder von vorn. Funktionierte. Und dann brach ich zusammen.

Irgendwie war diese Kündigung anders als die beiden davor. Diese setzte endlich den finalen Hammerschlag an ein Gefäß, das von Sprüngen nur so durchzogen war. Schlug endlich das zu Scherben, was schon lange keine Form mehr hatte.

Ich brauchte Hilfe von außen. Ich suchte Hilfe von außen.

„Sie können diese Liste mal durchtelefonieren. Aber rechnen Sie mit mindestens einem halben Jahr Wartezeit“

Aber man kann nicht mehr warten, wenn das Kartenhaus einmal fällt. Man kann es nicht bitten, später zu fallen. Man kann es nicht zurückhalten. Man steht nur hilflos daneben. Man kann Alarm schlagen. Sich aufraffen und Hilfe suchen. Funktionieren. Telefonieren. Termine machen. Und immer wieder erzählen.

Ein halbes Jahr kam mir wie eine Ewigkeit vor. Das Kartenhaus fiel. Und ich brauchte jetzt jemanden, der mir dabei half, den Einsturz zu überstehen.

Unzählige Male erzählte ich meine Geschichte. Unzählige Menschen hörten mir zu, nickten, fragten nach und notierten. Mit jedem Mal wurde mir bewusster, welche Details wichtig waren und welche vernachlässigbar. Mit jedem Mal wurde ich routinierter. Und mit jedem Mal erkannte ich an der Reaktion meines Gegenübers, dass das, was ich da erzählte, nicht normal war. Ich erkannte mehr und mehr, dass ich viel mehr im Gepäck hatte, als ich dachte. Viel mehr als eine Kündigung. Auch mehr als drei.

Aber ich konnte das alles trotzdem nicht fassen. Ich verstand auf einer rationalen Ebene, was ich erzählte. Aber ich spürte nichts.  

„Sie erzählen das alles so, als wären es Geschichten von jemand anderem und nicht ihr eigenes Leben“

Die Distanz war ein Leben lang lebenswichtig gewesen. Ohne sie hätte ich vieles nicht ausgehalten. Mit ihr aber war alles verborgen geblieben und nicht zugänglich. Das wurde klarer und klarer je mehr ich darüber sprach, je mehr Fragen gestellt wurden und je mehr Antworten ich gab. Die Antworten waren immer da gewesen, aber die Fragen waren über die Jahre weniger geworden und irgendwann ganz verschwunden. Bis sie plötzlich wieder da waren. Bis sie zunahmen, intensiver wurden, bohrender und tiefer und einfach nicht mehr gehen wollten. Ich dachte immer wieder, dass meine Antworten auf diese Fragen immer noch so normal wären wie sie es auch vor Jahren schon waren. Aber das waren sie nicht. Damals nicht und heute nicht.

Die Antworten hatten mich geschützt. Sie hatten mich eingehüllt wie ein warmer Mantel, der einen in seiner Behaglichkeit vergessen lässt, wie trostlos und kalt die Umgebung eigentlich ist.

Viele Menschen, viele Begegnungen, viele Gespräche, viele Enttäuschungen und Neuanfänge waren notwendig, bis ich den Menschen traf, bei dem ich es wagte, den Mantel abzulegen. Den Menschen, der mehr wissen wollte. Den Menschen, der mir das Gefühl gab, dass es gut werden könnte. Irgendwann.

Sie hörte sich meine Geschichten monatelang an. Sie wehrte monatelang mit ruhiger Stimme immer wieder ab, wenn ich dazu anhob, meine Peiniger zu verteidigen. Sie relativierte mich, wenn ich versuchte, die Geschichten zu relativieren. Sie sagte mir wieder und wieder, dass ich keine Schuld hätte, an dem was passiert war und wieder und wieder fand ich Argumente dafür, wieso das nicht stimmte. Sie sagte wieder und wieder, dass das, was ich erlebt hatte, nicht in Ordnung war und wieder und wieder fand ich Gründe dafür, wieso es doch in Ordnung war. Wieder und wieder sagte sie mir, dass meine Eltern sich auch anders hätten entscheiden können als das zu tun was sie taten und wieder und wieder erklärte ich ihr, dass auch sie ihre Beweggründe hätten und dass man auch sie verstehen müsste. Wieder und wieder sagte sie mir, dass ich ein Kind gewesen sei und meine Eltern erwachsen und dass man andere Ansprüche an Erwachsene haben müsste als an Kinder und wieder und wieder erklärte ich ihr, dass Eltern nicht perfekt wären. Wieder und wieder zeigte sie mir, wie groß die Last war, die ich zu schultern hatte und wieder und wieder lachte ich die Sorgen weg und sagte, dass das doch alles nicht so schlimm sei und andere viel größere Probleme hätten.  

„Ich erzähle Ihnen jetzt mal, wie ich Ihre Kindheit wahrnehme“

Sie sprach von Chaos, von verrückten Umständen, von jeder Menge Unordnung. Ich erklärte, dass es sich für mich nie so angefühlt habe. Ich kam aus einer Kaufmannsfamilie mit hohem Ansehen. Wir waren gut situiert. Wir hatten alles. Anderen war es viel schlechter ergangen. Das wurde mir immer wieder erzählt. Es war wie ein Mantra. Sie aber sprach von Wohlstandsverwahrlosung, von Vernachlässigung, von Lieblosigkeit. Ich hielt dagegen, dass man sich doch nicht so anstellen müsse. Jeder habe doch irgendetwas was er durchs Leben schleifte. Dann sprach sie von sexuellem Missbrauch. Ich hielt das für lächerlich. Es sei doch nichts passiert. Aber es war etwas passiert. Es war einiges passiert.

Kinder kommen immer unbeschrieben zur Welt. Unberührt und ungeschützt. Alles, was sie erleben, prägt ihren Standard. Alles, was sie fühlen, halten sie für normal. Denn sie kennen nichts anderes. Wenn sie kein Korrektiv erleben, stellen sie nie in Frage, was ihnen geschehen ist. Denn sie denken, dass alle anderen genauso denken und fühlen. Sie sehen keinen Grund dafür, zu hinterfragen. Denn es gibt ja nichts, was es zu hinterfragen gilt.

Erwachsene verteidigen ihre Normalität. Niemand möchte anders sein. Niemand möchte schräg sein. Darum fühlt sich jeder, die die eigene Normalität in Frage stellen, wie ein Feind an. Er wird bekämpft und weggetreten. Er wird beschossen und beschimpft. Er wird nicht als Helfer wahrgenommen sondern als Angreifer.

Die Wälle, die wir um unsere Schäden ziehen, sind mächtig. Wir mauern unsere Störungen ein und beschießen jeden, der versucht, sie offenzulegen. Wir verteidigen unsere Normalität bis aufs Messer und vernichten jeden, der es wagt, sich ihnen zu nähern.

Aber wenn etwas anderes diese Mauern einreißt, wenn plötzlich und unerwartet alles offen liegt und blutet, wenn wir nicht mehr anders können, als uns dem zu widmen, was von innen heraus in uns fault, dann kann daraus eine Chance entstehen.

„Sie können tun, was immer Sie wollen. Aber ich will, dass Sie verstehen, warum Sie das tun“

Wieder und wieder beschlich mich in den ersten Monaten der Wunsch, zu meinen Eltern zurückzuziehen. Ein Projekt mit ihnen in meiner Heimatstadt zu starten, mit ihnen gemeinsam einen Weg zu gehen, mit ihrer Hilfe etwas erschaffen und in Liebe zu gestalten.

Sie bat mich, diese Entscheidung aufzuschieben. Sie bat mich, der Behandlung Zeit zu geben. Sie bat mich, keine Entscheidung zu treffen, deren Konsequenzen ich vielleicht in diesem Moment nicht absehen könnte.

Immer wieder hatte es in meinem Leben Rückschläge gegeben und immer wieder waren meine Eltern für mich da gewesen. Immer wieder traten sie den Beweis an, dass sie mich liebend aufnehmen würden, wenn es mir schlecht ergangen war. Immer wieder bewiesen sie mir damit, dass ich allein nicht lebensfähig sei. Immer wieder hielten sie mich in der Abhängigkeit von ihrer Gunst. Immer wieder nutzten sie meine Rückschläge, um mir zu beweisen, wie unfähig ich war. Immer wieder demütigten sie mich. Aber immer wieder sah es für mich so aus, als wären sie die einzigen Menschen, die bereit wären, mir zu helfen. Darum wollte ich zurück. Aber das konnte ich damals nicht verstehen. Sie schon. Ich vertraute ihr und ging nicht zurück. Ich blieb. Ich wollte verstehen. An manchen Tagen mehr als an anderen.

„Ich bin nicht bereit, einfach ein Pflaster auf Ihre Wunden zu kleben“

An anderen Tagen wollte ich einfach schnell wieder funktionieren. Ich wollte, dass alles gut wird und ich unbelastet weiterleben kann. Nicht zu tief graben. Nur das tun, was nötig war. So schnell wie möglich vorankommen. Das sollte ich doch schaffen. Ich war schließlich immer schneller als die anderen. Ich war immer bereiter als die anderen. Ich war immer kämpferischer als die anderen. Darum war ich überzeugt, dass meine Therapie keine drei Jahre dauern würde, sondern drei Monate. Ich war überzeugt, dass ich durch meine Bereitschaft, durch meinen Willen, an mir zu arbeiten, durch meine Ausdrucksfähigkeit und meine Offenheit viel schneller durch all das kommen könnte als es üblich war. Ich war bereit, mich vollkommen auf das konzentrieren, was mich trieb und mit dieser Konzentration eine schnelle und gute Lösung herbei zu führen.

Sie versuchte, mich zu bremsen. Sie versuchte, mir zu sagen, dass man Heilung nicht beschleunigen kann, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Aber ich wollte das nicht hören. Ich wollte sie widerlegen. Ich wollte ihr zeigen, dass andere das vielleicht nicht können, aber ich schon. Ich wollte zeigen, dass sie Unrecht hat. Ich wollte optimistisch sein. Ich wollte alles dafür tun, möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen.

„Vielleicht macht es Sinn, das einmal in einem abgeschlossenen Rahmen zu behandeln“

Darum ging ich weg. Vier Monate in eine Klinik. Und dort kam dann alles hoch. Die Fragen wurden tiefer, die Antworten kamen näher und die Konsequenzen wurden sichtbarer. Es wurde immer klarer, wie alles zusammenhing: was jetzt schief lief, was früher schief gelaufen war und wie all das mit den Taten in meiner Kindheit zusammenhing. Alles ergab plötzlich Sinn. Dinge, die ich vorher immer scharf voneinander getrennt hatte, fanden jetzt zusammen. Aus vielen einzelnen Bruchstücken, die freischwebend durch mein Leben trieben, wurde ein großes Ganzes. Aber je mehr sich dieses Puzzle zusammensetzte, desto tiefer fiel ich selbst. Jetzt stürzte nicht mehr nur das Kartenhaus ein, jetzt zerbröselte das Fundament. Alles brach zusammen.  Was bis dahin mein Leben war, kollabierte vor meinen Augen. Mit jedem Tag in der Klinik mehr. Und mit jedem Tag mehr wollte ich dort nicht mehr weg. Denn dort fühlte ich mich das erste Mal ernsthaft behütet. Ernst genommen. Gesehen. Mit all dem Schmerz, der nie sein durfte. Mit all den Dingen, die ich nie sagen durfte. Mit all den Vorwürfen, die ich nie machen durfte, sondern immer nur gemacht bekam. Alles, was früher verboten war, durfte dort sein. Und dadurch gab es endlich Erklärungen. Erklärungen für so vieles, was falsch war.  

Ich kehrte zurück in mein Leben. Aber da war kein Leben mehr. Da war nie eines gewesen. Immer nur die Illusion eines Lebens. Aber jetzt konnte ich mich nicht mal mehr an dieser Illusion festhalten. Ich hatte keine Arbeit. Keine Freunde. Keine Partnerschaft. Das war nie ein Problem für mich gewesen. Und wenn es eines war, dann hatte ich es zuverlässig überspielt. Immer hatte ich die Gründe für meine Einsamkeit in der Imperfektion der anderen gesehen. Oder in der Situation. Oder im Zufall. Es würde sich auch für mich alles geben, wenn alles mal passte. Davon war ich überzeugt. Das hat mich am Leben gehalten. Jetzt aber war klar, dass rein gar nichts passte. Nie gepasst hatte. Dass nichts Zufall war. Sondern alles erklärbar.

An manchen Tagen nahm mir dieses Wissen die Hoffnung. Die Welt wurde schwarz und jede Perspektive verschwand. Ich glaubte, dass es nie mehr gut werden könnte, weil dafür einfach zu viel passiert war. Zu viel war zerbrochen, als dass ich es schaffen könnte, das jemals wieder zusammenzubauen.

Ich verstand, dass das alles länger dauern würde, als ich gehofft hatte. Ich verstand, dass das alles nicht so einfach war, wie ich gedacht hatte. Ich verstand, dass das eine Lebensaufgabe war. Meine Lebensaufgabe. Dieses Verstehen gab mir Hoffnung. Das Gefühl, es selbst in der Hand zu haben. Aber an manchen Tagen nahm mir dieses Verstehen auch die Hoffnung. Und es kam das Gefühl, dass mir das alles zu viel war.

„Es ist in Ordnung, zu fliehen, solange Sie wieder zurückkommen“

Tagelang saß ich dann vor Videospielen. Ohne Unterbrechung schaute ich Fernsehen. Vom Aufstehen bis zum Zubettgehen tat ich nichts als Abtauchen und Essen und zwei Mal die Woche zur Therapie gehen. Zu allem anderen fehlte die Kraft. Manchmal musste ich einfach fliehen, weil alles zu viel wurde. Ich hielt meinen Kopf, meine Gedanken nicht mehr aus. Ich wusste, dass ich mich nicht hineinsteigern durfte. Ich wusste, dass es richtig war, manche Tage einfach auszuhalten und vorbeiziehen zu lassen. Nur aushalten und auf keinen Fall etwas tun, was mir die Chance auf ein Morgen nimmt. Darum trieb ich manchmal einfach weg. Trieb vor den Fernseher. In eine andere Welt, in der alles in Ordnung war. Eine Welt, in der andere Menschen Probleme hatten und ich ihnen dabei zuschauen konnte. Eine Welt, in der ich nicht existierte. Nicht existieren musste. Keine Aufgabe hatte.

Oder viele Aufgaben. Wenn in einem Videospiel klar war, was ich tun musste, um zu gewinnen und ich es einfach tun konnte. Wenn ich ein Ziel hatte. Ein erreichbares Ziel. Etwas, bei dem ganz klar war, wie ich zum Erfolg kommen könnte. Etwas, das so dann den Gegensatz zu meinem Leben bildete. Denn da gab es kein Ziel und ich hätte erst recht nicht gewusst, wie ich dorthin kommen sollte.

Teilweise hat mir die Flucht die Anspannung genommen. Sie hat mich am Leben gehalten, auch wenn ich in diesen Momenten alles andere als lebhaft wirkte. Obwohl ich kein Tageslicht und keine Menschen sah und einfach nur dahinvegetierte, waren diese Tage lebenswichtig. Früher war so ein Verhalten verpönt und verboten. Denn so zu leben, bewies meinen Eltern, was für ein faules, asoziales Stück Mensch ich war. Sie sahen darin die Bestätigung für mein verkommenes Wesen.

Aber sie hatten mich mit Fernsehen und Videospielen aufgezogen, sie hatten versäumt, mir andere Optionen zu zeigen und sie hatten mich damit beschäftigt, wenn ich ihnen zu lästig wurde. Und als ich älter wurde, bestraften sie mich dafür, dass ich tat, was ich gelehrt worden war. Dass ich immer wieder in diese Welten floh, wenn keine andere Option greifbar war. Jetzt verstand ich, dass diese Flucht eine Funktion hatte. Dass sie Platz schaffte für die Verarbeitung. Damals wie heute. Und dass sie sein darf. Dass sie sein muss. Dass sie mich davor schützt, mich von mir selbst übermannen zu lassen und wirklich zu fliehen. Unwiederbringlich.

„Was würden Sie tun, wenn Sie nichts mehr tun müssten?“

Es war mir immer peinlich gewesen, wenn mir jemand diese Frage stellte. Immer, wenn es darum ging, meine innersten Wünsche offenzulegen, fühlte ich mich klein und dumm. Dachte, dass mir das Talent fehlen würde. Dachte, dass andere das besser könnten und ich mich damit nicht messen dürfte. Dachte, dass man sich über mich lustig machen würde, wenn ich dazu stünde. Dachte, dass es nicht meinem Status entspräche, das auszusprechen, was ich tun möchte. Darum log ich und erfand Wünsche über eine berufliche Karriere, von der ich dachte, dass sie allgemein akzeptiert wäre.

Meine eigentlichen Wünsche aber waren immer klar. Seit ich ein kleines Kind war, wollte ich auf der Bühne stehen. Ich wollte in ein Mikrofon sprechen. Etwas Künstlerisches tun. Musik machen. Sprechen. Singen. Schreiben. Erzählen. Mit acht Jahren habe ich Radiosendungen in einen Kassettenrekorder eingesprochen. Immer wieder habe ich das Mikrofon oder die Bühne gesucht. In Praktika bei Radio- und Fernsehsendern. In Karaokebars. Am Lagerfeuer, wenn einer eine Gitarre dabei hatte. An Brettspielabenden, wenn man die Anleitungen vorlesen musste.

Aber dann habe ich als Vertriebler gearbeitet. Nicht auf der Bühne, sondern im Büro. Weil ich Angst hatte, dass es für die Bühne nicht reichen würde. Weil ich dachte, dass ich besser rechnen kann als sprechen. Weil ich überzeugt war, dass mir Businesspläne schreiben mehr liegt als Bücher schreiben. Weil ich mir einredete, dass ich Präsentationen besser kann als Moderationen. Weil ich Angst hatte. Angst vor meinen Wünschen. Angst vor meinem Leben. Und darum habe ich aus Angst das Leben eines anderen gelebt. Das Leben meines Vaters. Das Leben der Angst meines Vaters. 

„Ich möchte, dass wir daran arbeiten, dass ich keine Angst mehr vor meinen Wünschen habe“

Seit ich diesen Satz gesagt habe, geht alles in eine andere Richtung. Der Blick geht häufiger nach vorne und nicht mehr zurück. Er richtet sich auf das, was kommen wird, wie ich es gestalten kann und wie es mich glücklich macht. Er richtet sich nicht mehr auf das, was ich tun muss, um zu überleben, sondern auf das, was ich tun kann, um zu leben.

Seit ich diesen Satz gesagt habe, lache ich sehr viel häufiger. Ich erzähle Menschen mit einem Lächeln, was ich tue, woran ich arbeite, was ich anbiete und was ich erreichen möchte. Menschen bewundern mich für meinen Mut und mein Talent. Sie bewundern mich für die Breite, die ich beherrsche und für die Spitze, die ich in manchen Momenten zeige. Sie klopfen mir auf die Schulter, wenn etwas gelingt und greifen unter die Arme, wenn etwas hakt. Wenn ich es zulasse.

Niemand versteht, wie ich all das so lange versteckt halten konnte. Wie es möglich war, das alles wegzuschließen und einen ganz anderen Weg zugehen. Niemand versteht die Angst.

Die Angst aber bleibt. Sie wird kleiner und beherrschbarer, aber sie bleibt. An ihrer Seite stehen jetzt aber auch Zutrauen und Lust. Und so werden Dinge, die eben noch unmöglich schienen, auf einmal wahr. Türen, die eben noch verschlossen schienen, öffnen sich. Ungeahnte Freiheit bricht sich Bahn und bringt neue Perspektiven mit sich. Neue Mitstreiter. Neue Ideen. Neue Ziele.

Und trotzdem stürze ich manchmal ab. Und stelle alles zur Debatte.

„Aber es war auch schon schlimmer, oder?“

Jedes Mal, wenn sie mir dann diese Frage stellt, muss ich zugeben, dass die Probleme, die mich heute treiben, klein sind verglichen mit dem, was ich schon durchlebt habe. Jedes Mal blicke ich zurück und bin stolz auf das, was ich geschafft habe. Jedes Mal bestätige ich mir selbst, dass der Weg richtig war, auch wenn er unfassbar hart schien, während ich ihn ging. Und jedes Mal erlebe ich, dass ich seit dem letzten großen Zweifel wieder eine Stufe höher gestiegen bin. Dass das, was beim letzten Mal großartig schien, in der Rückschau das neue Normal ist und dass entsprechend das, was heute großartig scheint, bei der nächsten Rückschau wahrscheinlich normal sein wird. Dass das, was heute schwierig scheint, ein Klacks ist gegenüber dem, was beim letzten Mal schwierig war und dass das, was morgen schwierig sein wird, ein Klacks sein wird gegenüber dem, was heute schwierig ist.

Was heute für mich wie ein Klacks erscheint, ist für andere dennoch unbegreiflich schrecklich. Ich verliere mich wieder und wieder in Gedankenspiralen. Die damit beginnen, dass ich denke, keine Kleidung zu besitzen, in der ich gut aussehe. Oder wieder einmal feststelle, dass mir meine Haare nicht gefallen. Und mein Gesicht auch nicht. Und mein Körper erst recht nicht. Dass ich insgesamt hässlich bin. Und fett. Dass mich niemand sympathisch finden kann und erst recht niemand lieben.

Denn dazu müsste ich perfekt sein. Nur, wenn ich perfekt aussehe, habe ich einen Wert. Nur, wenn ich leiste, habe ich einen Wert. Nur, wenn ich andauernd leiste, habe ich einen Wert. Nur, wenn ich einen Wert schaffe, bin ich etwas wert. Nur dann habe ich eine Daseinsberechtigung. Nur dann bin ich liebenswert. Nur dann bin ich lebenswert.

So verliere ich wieder und wieder die Lust aufs Leben. Weil es viel zu mühevoll ist. Ich vergesse die schönen Momente, in denen ich voller Optimismus neue Dinge beginne. Ich vergesse die Hoffnung auf schönere Zeiten, die mich sonst eigentlich trägt. Ich erlebe das Leben als etwas das ich durchleiden muss und nicht als etwas, das ich genießen darf. Ich denke darüber nach, dass diese Welt besser dran wäre, wenn es mich nicht gäbe.

Aber seit ich die Talsohle durchschritte habe, geht es stetig bergauf. Schlechte Gedanken kommen trotzdem. Sie bleiben aber nicht mehr so lange. Sie werden aushaltbarer. Sie werden ertragbarer. Ich kann mir verdeutlichen, dass sie vergänglich sind. Es geht bergauf. Nicht geradeaus. Immer in Wellen. Wogend. Nach oben und unten. Aber der Ausschlag nach unten wird nie wieder so tief werden wie damals in der Talsohle. Und je mehr Zeit verstreicht, desto mehr kann ich mir bewusst machen, dass das, was heute der Tiefpunkt im Ausschlag nach unten war, noch vor wenigen Wochen der Höhepunkt im Ausschlag nach oben war. Der gleitende Durchschnitt ist positiv. Die Wellen werden kleiner. Die Tiefschläge werden aushaltbarer. Die Höhepunkte werden höher. Ich klettere und klettere. Mal mit mehr, mal mit weniger Mühe. Mal zielstrebiger, mal nachlässiger. Aber auch wenn ich immer wieder denke, zurückgeworfen zu werden: es geht stetig nach oben.

Darum stellt sie mir diese Frage. Immer dann, wenn ich einen Rückschlag erlebe. Immer dann, wenn ich mit der Welt hadere. Immer dann, wenn ich für kleinste Dinge keinen Ausweg sehe. Immer dann, wenn alte Muster drohen, um sich zu greifen und mich zu verschlingen. Immer dann, wenn ich anfange, an der Spirale zu drehen und Gefahr laufe, mich zu verlieren. Immer dann stellt sie diese Frage. Und immer wieder muss ich dann irgendwann über mich selbst lachen. Denn sie hat Recht.

Sie lehrt mich damit, alles in Perspektive zu setzen. Denn es gibt nie nur eine Art, die Welt zu sehen. Wer das versteht, der wird gesund. Oder zumindest gesünder. 

„Wann bin ich eigentlich gesund?“

Sie lacht. Lacht und fragt, wer denn jemals wirklich gesund sei. Sagt, dass wir alle unsere Geschichten und Störungen haben und dass sie beim einen eben stärker und beim anderen weniger stark durchschlagen. Dass manche Menschen schlimmste Traumata erleben und dennoch unbeschwert durchs Leben gehen und andere durch einen kleinen Quersteher vollkommen aus der Bahn geworfen werden. Dass jede Wirkung immer eine Ursache habe, aber dass nicht jede Ursache eine Wirkung entfalten müsse. Dass das Leben aus einer riesigen Gemengelage an Ursachen und Wirkungen bestünde, so dass niemand jemals ganz gesund sein kann genauso wie niemand jemals ausschließlich krank sei. Alles hängt zusammen und es geht darum, das zu verstehen. Nicht darum, eine Antwort zu finden. Sondern darum, mit der Frage klarzukommen.

Wir berühren uns alle gegenseitig. Wir ziehen uns an und stoßen uns ab. Unsere Geschichten und Störungen wirken zusammen, wirken verstärkend, wirken abstoßend, wirken anziehend. Wer sich nie damit auseinandergesetzt hat, tut sich schwer, diese Störungen zu sehen. Die eigenen und die der anderen. Wer nicht weiß, woher etwas kommt, hält alles für normal und wenn es noch so schräg ist. Wer alles für normal hält, wird aber seinen Lustgewinn und seine Sucht nach Höhepunkten genauso wenig hinterfragen wie seine Trostlosigkeit und Schwermut.

Wer seine Geschichte nicht kennt, wird seine Störungen weitergeben. An die Menschen in seiner Umgebung und an seine Nachkommen. Er wird ein Geschwür in die Menschen einpflanzen, das dann in ihnen weiterwächst. So wie meine Eltern die Störungen ihrer Eltern an mich weitergegeben haben. Mit jeder Generation wachsen diese Geschwüre weiter. Denn Kinder kommen unbeschrieben und rein zur Welt. Sie bieten einen perfekten Nährboden für diese Geschwüre. Sie werden ungeschützt getroffen. In ihnen kann all das Unheil noch ungestörter und ungebremster wachsen als in der Generation davor. Wenn wir diesen Kreislauf nicht aufhalten, fressen uns die Geschwüre am Ende auf.

Sie fressen uns auf, weil wir aus unseren Mängeln heraus eine Sucht nach immer mehr Höhepunkten erschaffen. Weil wir auf diesem Weg rücksichtslos alles um uns verschlingen. Unsere Mitmenschen, unsere Ressourcen und am Ende auch unseren Planeten. Wir verlernen, einander mit Respekt, Perspektive und Demut zu begegnen und achten nur noch unseren eigenen Vorteil. Wir werden hart mit der Welt und mit anderen, weil wir hart zu uns selbst sind. Wir bekommen Hornhaut an unseren Ellenbogen, weil wir um uns schlagen, aus Angst davor, in unser Herz zu blicken. Weil wir uns davor fürchten, was wir dort finden könnten.

„Was ich jetzt tun muss, ist eine der schwersten Aufgaben, die man als Geschäftsführer hat“

Er hat den Hammerschlag gesetzt. Er hat das Gefäß zerbrochen. Er hat vieles zerstört. Nicht nur in diesem Moment, auch im Jahr davor. Aber letztlich muss ich ihm dankbar sein. Denn was er getan hat, hat alles andere erst sichtbar gemacht. Was er ausgelöst hat, hat die Heilung erst ermöglicht. Dass er mich in ein Loch gestoßen hat, hat es erst möglich gemacht, dass ich aus der großen Grube herausklettere.

Ich bin dennoch wütend auf ihn. Ich bin wütend auf ihn und auf meine Eltern und all meine anderen Peiniger. Ich bin wütend auf alle, die Menschen so behandeln, wie ich behandelt wurde. Ich bin wütend auf alle, die unbemerkt und unbewusst den Schaden weitertragen, der ihnen angetan wurde. Ich bin wütend, weil wir so das Zusammenleben untereinander gefährden. Aber aus dieser Wut erwächst etwas Gutes. Aus dieser Wut erwächst der Wunsch, mein Leid eben gerade nicht weiterzugeben. Es wächst der Wunsch, mich zu bemühen, damit ich anderen mit Liebe und Nachsicht begegnen kann. Es wächst der Wunsch, verstehen zu wollen, was sie bewegt und sie nicht einfach zu verurteilen. Es entsteht der Wunsch, die Geschichte über meinen Weg zu erzählen, um andere zu motivieren, auf ihre eigene Geschichte zu blicken. Der Wunsch, unsere Gesellschaft damit insgesamt zu mehr aufgeklärtem Umgang zu motivieren. Sich den Dingen zu stellen statt sie zu verdrängen. Raum und Widerstand zu geben, wenn andere sagen, man solle sich nicht so anstellen. Damit sich meine Geschichte nicht wieder und wieder wiederholt. Damit sich andere Geschichten nicht wiederholen. Damit wir nicht gedankenlos Leid weitergeben sondern unser Leid und das unserer Mitmenschen und Nachkommen lindern.

Denn nur so können wir irgendwann wirklich gesund werden.

(Dieser Text ist im Rahmen eines Schreibwettbewerbs zum Thema “gesund schreiben” entstanden. Meine gesamte Geschichte habe ich in der autobiografischen Erzählung “Steine im Rucksack” aufgeschrieben, über die es hier mehr Informationen gibt.)